Normalkonstante

„Was ist (denn schon) normal?“

Dieser Satz wird in ähnlicher oder gleicher Form fast jedem Menschen schon einmal begegnet sein. Gibt es das überhaupt und wie genau muss man bzw. frau formulieren, um sich dem Normalitätsbegriff anzunähern?

Die meisten werden sich einig sein, dass z.B. Atmen eine normale Handlung ist.

Denn Atmen ist eine lebenserhaltende und damit lebensnotwendige Eigenschaft des Menschen und wird somit von fast allen Menschen widerspruchslos als normal akzeptiert.

Es ist also Teil des Gewohnheitsrechtes.

Aber nicht alles, was wir aus Gewohnheit tun, ist an anderen Orten genauso ein Gewohnheitsrecht und wird als normal verklausuliert.

In Sardinien gibt es zum Beispiel eine Delikatesse, die in anderen Ländern z.B., als total ekelhaft und „unnormal“ angesehen wird. Casu Marzu ist ein Schafskäse, dem Maden von Fliegen, aus einem verrottendem Schafsmagen beigegeben wird und dadurch auf Joghurt ähnliche Konsistenz verflüssigt wird. Er wird, wenn er echt ist, inklusive lebender Maden gegessen und ist praktisch selber Madenkot.

Was für meinen Vater ein total leckeres und normales Essen ist, ist für mich total unnormal.

Aber es gibt noch andere Beispiele, die die Subjektivität auch bei „gesellschaftlicher Normalität“ verdeutlichen.

Bei manchen indigenen Völkern sind Menschen die Stimmen hören heilig. Man schreibt Ihnen vielleicht eine besondere Verbindung zu den verstorbenen Ahnen zu.

Stelle ich mich in der angeblich so entwickelten Welt hin und sage: „Ich höre Stimmen.“, so kann ich schnell als Schizophren und unnormal gelten. Dabei sagt der Satz, erst einmal nur für sich genommen, nur aus, dass ich Stimmen wahrnehme. Ob das eingebildete Stimmen oder reale sind, sagt der Satz für sich selbst genommen nicht aus.

Oder nehmen wir jedwede Religion. Die Beweisbarkeit kann nie gebracht werden, dass ein Gott oder die Götter existieren, aber es werden Unterschiede gemacht, zwischen einem angeblich Schizophrenen, der in seiner angeblichen Psychose an z.B. nicht beweisbare, oder zumindest von anderen nicht wahrgenommene, angeblich nicht existente und angeblich imaginäre Freunde glaubt und Gläubige, die an einen angeblich realen Gott glauben, gemacht.

Das eine ist normal, das andere nicht, obwohl beides nicht widerlegt oder bewiesen werden kann.

Man merkt, mit der Normalität wird es in gewissen Dingen, Handlungen und Sichtweisen, ab irgend einem Punkt schwierig sie als allgemein gültig zu definieren.

Trotzdem werden immer mehr Menschen, die angeblich nicht normal sind, sofort mit nem Stempel gebranntmarkt, aus der Gesellschaft oft ausgeschlossen und/oder gar eingesperrt.

Die Toleranzgrenzen der Gesellschaft sind manchmal arg dünn.

Am Ende ist Normalität nix anderes als der Konsenz bzw. die Mehrheitsmeinung einer Gesellschaft. Je nachdem, wie tolerant diese Gesellschaft ist, umso weiter werden diese Grenzen ausgelegt.

Aber da Normalitätsempfindungen, also die gefühlte Wahrheit über eine angeblich allgemeingültige Normalität, oft Ausschlußkriterium für alle, die nicht in die selbe Schublade passen, ist, bleibt der Normalitätsbegriff auch immer ein Begriff der Macht, Macht über angeblich andersartige Menschen.

Aber der Mensch ist nie nur normal oder unnormal. Der Mensch besteht aus hunderten, wenn nicht gar aus unzähligen Facetten. Er ist nie nur die (Fremd-)Diagnose allein.

Ob es dann wirklich DIE eine Normalität gibt, mag ich zu bezweifeln.

Viele nehmen auch an, es gäbe DIE Realität. Wir kennen nun einmal nur die eine, aber jeder nimmt sie anders wahr.

Für den oder die eine/n ist das jeweilige Grün immer anders. Alleine dadurch, dass jeder Farben immer ein bisschen anders wahr nimmt, und wir uns nur auf einen Wellenlängenbereich, aber nicht auf eine exakte Frequenz einigen können, gibt es am Ende auch nicht DIE Realität. Wenn es DIE Realität gäbe, wären wir alle ein und dieselbe Person. Nur so wäre es möglich, dass wir alle immer die gleiche Realität wahrnehmen würden.

Woraus leiten dann Einzelpersonen oder die Gesellschaft ab, wirklich alles, in normal und unnormal einzuteilen. Seit wann sind wir ein binär denkender Mensch?

Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß.

Es gibt auch Grau und Farben.

Zumindest gibt es Farben in unserer Wahrnehmung.

Warum heißt dieser Text „Normalkonstante“?

Normalität ist nie konstant, sie wird von der Mehrheit immer wieder neu definiert und umdefiniert.

Aus diesem Grund sage ich ganz beruhigt: „Ich lasse mich ungern auf eine Normalkonstante reduzieren.“, denn gerade das, wäre in meinem Logikkreis, gerade nicht normal.

Trotzdem ist klar, dass man sich in einer Gesellschaft auf gewisse gemeinsame Begrifflichkeiten verständigen muss, alleine der Verständigung wegen.

Trotzdem, hat ein blinder Gehorsam, oder gar eine Anpassungssucht, immer mal wieder in der Menschheitsgeschichte Auswüchse angenommen, die ich als „unnormaler“ Mensch, als nicht gerade gesund betrachten würde.

In diesem Sinne, habt Mut anders zu sein.

… denn sonst ist die Welt nur schwarz oder weiß und höchstens ab und zu mal grau, aber sehr selten bunt.

bunt

 

Kommentar verfassen